Kapitel 14: Finale
Langsam machte sich ein beruhigtes, warmes Gefühl in Jann breit. Er lehnte sich entspannt in Kubricks Bürostuhl zurück und ließ seinen Blick nicht ganz ohne stolz auf seinem ehemaligen Peiniger verweilen, der zusammengesackt in dem schmierigen Folterstuhl saß; jenes brutales Stahlkonstrukt das in Stunden voller Schmerz und Qualen sein stummer Begleiter geworden war. Schweiß und Blut rannen in einer hellroten, öligen Flüssigkeit an dem hellen Metall herunter, während dickflüssiges, sämiges Blut von Kubricks Kopf auf den Boden tropfte.
Jann spürte weiche Genugtuung, obgleich er auch daran dachte ob er vorher wohl an so einem Anblick seine Freude gehabt hätte. Hatte das Monster den Hass, die Abartigkeit und die Unmenschlichkeit nicht mit jedem Skalpellstich, mit jeder neuen Folterung in ihn gebrannt? War nicht jeder neue Schmerz ein neuer Schritt gewesen? Ein Schritt weiter hin zu dem Monster das in den dunklen Windungen seines Kopfes hauste und nur darauf wartete ihn in einem grausigen Tanz aus Wut und Gewalt zu verführen?
Jann hatte das wohl unnatürlichste getan was ein Mensch bewirken kann, die Ursünde, er hatte Gottes vorrecht zu seinem eigenen gemacht: Er hatte ein Leben ausgelöscht.
Kubrick hatte nie gegen dieses Gebot verstoßen, er hatte gefoltert, aber er hatte Jann nicht getötet. Wer war nun besser?
Mutter weiß es
Schoß es Jann plötzlich durch den Kopf.
Mutter wird es richten
Jann schluckte während sich ein mulmiges, dunkles Gefühl in seiner ausgezerrten Magengegend breit machte. Ein verstohlener, ängstlicher Blick auf den verdammten Wecker bestätigte ihm nun was er nur dunkel zu ahnen gewagt hatte und machte alle Leichtigkeit der letzten Minuten zu lebloser, weit entfernter Vergangenheit.
Jegliche Unbeschwertheit und Moral, alles worüber weiße Leute Dichten und was glückliche Kinder singen, alles Gute in dieser Welt wurde zu einem Traum, eine Utopie an die Jann nicht mehr zu denken wagte. Es wurde schlicht aufgesogen von der Präsenz die sich näherte, der Wurzel, die die sich nun ankündigte.
16:30
Mit zitternden Händen presste Jann die stinkende Plastikmaske gegen sein Gesicht während eine düstere, böse Ahnung wie schwarzes Salz durch seine Adern kroch.
Dann hörte er Schritte. Erst waren sie weit weg, irgendwo im Flur hinter der rostigen Stahltür, dann kamen sie näher. Doch es waren keine gewöhnlichen Geräusche zweier Füße die einen Körper trugen, nein, dieses Geräusch war eher eine ironisch Parodie menschlicher Schritte, ein grausamer Witz der nur erzeugt wurde um alles zu verhöhnen was der menschliche Geist begreifen konnte.
Mutter weiß es
Fremde Gedanken bohrten sich wie eiskalte Finger in seinen Kopf das es schmerzte.
Du kannst sie nicht betrügen
Seine Gedanken heulten wie Wind während sich die Schritte unaufhörlich der Tür näherten.
Du willst sie betrügen und sie weiß es, sie liebt dich und die Welt
Jann wurde schwindelig während ihn eine böse Präsenz wie eine Zentnerlast zu erdrücken schien und sich schwarze, verdorbene Ungewissheit wie eine Dampframme mehr und mehr gegen seinen Brustkorp presste.
MUTTER MUTTER MUTTER MUTTER ,
dröhnte es nun unaufhörlich in Janns Schädel während sich sein Blickfeld zu einem Engen, schwarzen Loch formte. Ein stählerner Dampfhammer rammte jeden einzelnen Buchstaben von MUTTER unerbittlich in sein Gehirn bis alles was er von dem Raum vor sich noch erkennen konnte eine verschwommene, zitternde Masse Licht war.
Dann öffnete sich die Tür und etwas kam hinein. Jann konnte es nicht genau erkennen, alles was er sah war eine Art schwarzer Berg, eine undefinierbare Gestalt grotesker Ausmaße und Verformungen die alles zu erfüllen schien. Böses Licht wurde von der Luft reflektiert und kleine Seelen begannen schwarz in Janns Lungen zu zittern. Unheil und Verderben tanzten in Mutters Armen und die Schwarze Messe verschlang gutes Licht während sich ein ätzender Gestank breit machte, angereichert mit dem Schweiß tausender Mörder und Vergewaltiger.
Das schwarze Etwas beugte sich langsam über Kubrick und schien sich um Jann nicht imgeringsten zu kümmern. Aber warum sollte sich die Figur ihm auch zuwenden wenn sie ihm schon längst zugewendet war, ihre stinkende, trostlose Dunkelheit ihn doch schon längst erfüllte. Langsam verschlang das Schwarze Kubricks Körper in einem Konzert knischender, malmender Laute und doch verschlang sie ihn nicht. Sie ersetzte ihn vielmehr, veränderte die Realität in verbotener Weise während die Schritte in Janns Kopf unaufhörlich und schmerzhaft maschierten.
Es war der gottloseste Moment der Welt.
Als das okkulte Werk verrichtet war glitt die schemenhafte, schwarze Gestalt leise aus dem Raum, gesättigt von Tod und Verzweiflung. Jann wischte sich über die Augen und begann wieder klar zu sehen. Als das Licht wieder normal wurde und die bittere Präsenz des bösen mehr und mehr abklang, stellte Jann fest das ihm die Mutter ein Geschenk hinterlassen hatte. Eine schwarze Energie durchzuckte seinen Muskel, während sich die Maske immer stärker gegen sein Gesicht drückte und die Wunden an seinem Körper zu stolzen Artefakten vernarbten. Langsam Schritt Jann auf die Wimmernde, rosig gesunde Gestalt auf dem Stuhl zu, das was Mutter ihm hinterlassen hatte.
Ein Schweinchen,
schoß es Jann durch den Kopf.
Ein Schwein. Ein schwules Schwein.
Jann lehnte sich lächelnd zurück und strich sich genüsslich über den vernarbten Bauch.
Der Junge im Stuhl wimmerte und starrte die groteske, entsetzlich entstellte Clownsgestalt vor sich panisch an.
Jann lachte und griff zum Skalpell neben sich.
Und in der Dunkelheit gebar er Kubrick.
Die Mutter hatte gesprochen.
ENDE