Kapitel 7:
Evolution
Millionen von Jahren angeblicher Evolution arbeiteten den wohl größten aller Unterschiede zwischen Mensch und Tier heraus: Tiere foltern nicht, Tiere töten nicht aus Spaß und Tiere haben keine Freude am Leiden ihrer Opfer
Kubricks Füße lehnten entspannt auf einer verschrammten, speckigen Holzkommode während er im warmen Kerzenlicht auf seinem Stuhl wippte, das Telefon zwischen Schulter und Wange geklemmt.
Und das soll Evolution gewesen sein? Ein Fortschritt? Das die Menschen gelernt haben über ihre Resourcen hinaus zu wüten und zu sammeln und zu jagen... scheiße!
Jann blinzelte Kubrick aus seinen geschwollenen Augen an, dieser schien ihn jedoch nicht zu bemerken. Aus dem Telefonhörer nahm er ein widerliches, scharfes Zischen war, so dass ihm mulmig wurde. Dann wunderte er sich kurz wie gut seine Ohren noch funktionierten.
`Schuldigung, Mutter erwiderte Kubrick hastig auf das verzerrte Zischen aus der Hörmuschel, Ich weiß du magst das nicht
Jann spürte Schmerz und Erschöpfung in jeder Faser seines Körpers. Wenigstens war der Hunger gewichen nachdem sein Peiniger ihn dazu gezwungen hatte den ganzen verfluchten Geburtstagskuchen zu essen, inklusive seiner beiden Brustwarzen und dem unaussprechlichen, unbekannten Organ was Kubrick wohl fachgerecht entfernt hatte, denn außer den Schmerzen und den verkrusteten, ziehenden Wunden an seinem Körper schien das Innere seines Körpers noch halbwegs gut zu funktionieren.
Einen gewissen Beitrag daran hatte wohl auch die verschmierte Flasche Valium auf dem kleinen, eisernen Beistelltisch neben ihm geleistet, vor allem im Bezug darauf dass seine Schmerzen mehr und mehr zu einem tauben Abbild ihrer wirklichen Pein wurden.
Ja, habe ich sieben mal gemacht. Und dann die Zähne geputzt
Jann wunderte sich müde über diesen krotesken Dialog am Telefon, obschon er die düstere Ahnung hatte das am anderen Ende der Leitung kein Mensch zuhörte und antwortete. Seit er in diesem Keller war spürte er diese Dinge, genauso wie er bei Horrorfilmen immer gespürt hatte das die Geister und Monster nicht echt waren, so spürte er hier das etwas echt war, eine dunkle, satanische Absicht lag im Raum. Böses Licht und Schatten.
Ja, ein paar mal. Aber es läuft noch.....Ja, er hat etwas gegessen Kubrick schaute sich mit seiner lächelnden Clownsmaske kurz nach seinem Jann um. Ich bin ja kein Unmensch!
Ein hysterisches, kicherndes Babygeschrei antwortete leise zischelnd aus dem Telefonhörer, Jann konnte kaum feststellen ob es nun Wörter waren oder nur grausige Laute, im Endeffekt interessierte es ihn auch nicht. Er wollte einfach nur weg, er dachte daran wie er einmal aus der Grundschule weggelaufen war als die Kinder ihn gehänselt hatten. Seine kleinen Turnschuhe hatten ihn über Kilometer matschiges Feld getragen, durch den kalten Regen jenes Herbsttages, bis zu dem Haus seiner Eltern. Er erinnerte sich wie er dort stundenlang im Hauseingang gesessen hatte, die nasse Kleidung an seinem Körper klebend, den Tränen nahe. Doch er verband keine negativen Erinnerungen an diesen Tag, denn es war auch der Tag gewesen an dem er Robert das erste mal getroffen hatte, jenen kleinen, rebellischen Jungen der für Jann immer ein Rätsel geblieben war.
Denn trotz Roberts Unnahbarkeit die jede Faser seines drahtigen, trainierten Körpers ausdrückte, setzte sich dieser still neben Jann und war an diesem Tag sein einziger Freund auf Erden.
Und auch später hatten sie nie viel miteinander geredet, zuviel gab es für sie bei ihren Streifzügen durch die weiten Felder ihrer Heimatstadt und in den abenteuerlichen Ruinen des alten Stahlwerks zu entdecken.
Gerade für Jann, der nie viele Freunde gehabt hatte und in der Schule zunehmend zum Fußabtreter widerlichen pubertären Verhaltens wurde, gerade für ihn wurde der starke und selbstbewusste Robert zum Synonym dessen was er später werden wollte, obschon Rob nur 3 Jahre älter war als er.
Und auch ahnte Jann nicht das sein großer Freund, der aus dem Nichts gekommen zu sein schien, eine ähnliche, jedoch viel intensivere Abhängigkeit zu ihm entwickelt hatte. Denn ohne das Licht seines schmächtigen Begleiters, ohne dessen sprühende Kreativität und Zuneigung, ohne das wäre Robert nur ein kalter, grausamer Stein gewesen, so wie er es vorher gewesen war, vor diesem regnerischen Herbstnachmittag.
Robert... dachte sich der gematerte Jann der Gegenwart, ...wärst du bloß hier...
Dabei hatte er kaum eine Ahnung wie nah Robert ihm in diesem Moment wirklich war und hätte er es gewusst, es hätte ihn wahrscheinlich mehr geschmerzt als alle körperlichen Leiden zusammen die ihm bis jetzt angetan wurden. Denn wie konnte er wissen daß sein größter Peiniger gleichzeitig der einzige Mensch war den er jemals geliebt hatte?
Mutter kommt bald, sie will dich sehen riss es Jann kribbelnd aus seinen Gedanken. sie hat sich angemeldet
Kubrick atmete ihn schadenfreudig durch die Plastikmaske an die inzwischen von seinem eigenen Atem beschlagen war und tropfte. Jann wurde mulmig und sein Herz begann wieder zu rasen. Mutter.... er wusste nicht wer oder besser was das war, jedoch versetzte ihn dieser Begriff, so wie Kubrick ihn benutzte in brennende Panik.
Ihr werdet viel zu bereden haben führte Kubrick freudig aus, ... denn sie weiß wie die Welt entstanden ist, auch wenn sie sie nicht erschaffen hat er kicherte. Sie hat immer so viel zu erzählen....
Jann wurde schwindelig. Er kannte diese Mutter, einmal hatte er sie in seiner Kindheit gehört, so wie jeder Mensch, einmal war sie mit langsamen Schritten die Treppe in seinem Elternhaus hinaufgekommen, tief in der Nacht. Ihre Schritte waren stundenlang lauter geworden, bis sie direkt in seinem Kopf waren und nur ein schnelles Gebet hatten das Dunkel vertrieben. Denn auch wenn Jann nie viel für Gott getan hatte und eigentlich auch nicht wirklich an ihn glaubte, nahm dieser sich in jener Nacht seinem Stoßgebet an um ihm den Besuch der Mutter zu ersparen, denn eigentlich war er ein guter Junge. Bei Robert war das anders gewesen...
Ich kann es kaum erwarten Kubrick geriet ausser sich, Komm, wir müssen dich hübsch machen! sagte er, dann stürmte der Clown voller Tatendrang aus dem Raum.
Janns Herz raste und er konnte nur noch an eines denken, eine Erkenntnis die Tief aus seinem Innern kam: Die Mutter kommt und sollte er dann noch hier sein würde er nicht nur sterben, alles würde vernichtet werden: Seine Erinnerungen, seine Vergangenheit, seine Zukunft. Es würde grausamer sein als der Tod.
Jann musste weg. Sofort.