@pitlobster + @jaypeekay
Finde gerade etwas Zeit, Eure Frage bzw. Anmerkungen zu kommentieren. Die Frage, ob Homosexualität ein Tabuthema ist (@pitlobster), lässt sich auch wenn sie rhetorisch gestellt und gemeint ist leicht beantworten: Für Komplexbehaftete, Verklemmte und Mucker ist es ein Tabuthema, für jemand, der mit offenen Augen durch die Welt geht und sich um eine möglichst wertneutrale Sicht der Dinge bemüht, ist es das nicht. Mich überrascht nur, dass offenbar noch keiner erkannt hat, worüber wir hier eigentlich reden. Denn es geht um eine viel weitreichendere, sehr grundsätzliche Frage, nämlich die: Wie halte ich es in einer Demokratie auch osteuropäische Staaten wie Polen verstehen sich ja als solche mit dem Schutz von Minderheiten?
JannLee sagt schließlich nicht: Leute, ihr müsst jetzt alle schwul werden. Er sagt auch nicht: Bevorzugt Homosexuelle und räumt ihnen irgendwelche Sonderrechte ein. Sinngemäß sagt er eigentlich nur: Akzeptiert sie, erkennt sie als gleichwertig an und benachteiligt sie nicht. Nicht mehr, nicht weniger. Denn eines ist klar: Stets wird immer auf Minderheiten rumgetrampelt. Diese Minderheiten können Homosexuelle sein. Es kann aber auch andere Minderheiten betreffen, beispielsweise Behinderte, alte Menschen oder Ausländer, also möglicherweise auch die ausländische Freundin. Früher oder später erwischt es also jeden von uns. Grundsätzlich gilt: Jede Tabuisierung ist automatisch auch eine Diskriminierung. Denn wer ein bestimmtes Thema zum Un-Thema erklärt, setzt sich damit über die Dinge, d.h. er schreibt den Leuten vor, worüber man reden darf und worüber nicht. Allein schon deshalb darf es in einer Demokratie keine Tabuthemen geben. Klaro?
Um sich gegen ein Verbot von sogenannten Killerspielen zu wenden, muss man selber kein eingefleischter Killerspiel-Fan sein. Folglich muss man selbst auch kein richtiger Homosexueller sein, um die Benachteiligung von Homosexuellen für falsch zu halten. Es geht lediglich darum, dass jemand, der Killerspiele spielen möchte, dies (ab einem gewissen Alter natürlich) auch ungehindert tun darf. Ebenso sollte er frei über seine Sexualpartner(innen) entscheiden dürfen, wie es seinen Neigungen und Vorstellungen entspricht. Und zwar ohne dafür schief angesehen zu werden, sich pausenlos rechtfertigen zu müssen oder irgendwie benachteiligt zu werden. In der Präambel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland ist der Gleichheits-Grundsatz ganz klar verankert. Meine Überlegung ist aber viel simpler, weitaus weniger formal und lautet: Der Mensch ist keine Ich-AG, auch kein Menschenmaterial oder Humankapital, sondern ein Mensch. Punkt. Welche Hautfarbe er hat, ob er Segelohren oder Plattfüße besitzt, ob er es mit Frauen, Männern oder einer aufblasbaren Kunststoffpuppe treibt, ist im Prinzip völlig unerheblich, denn es ändert an seinem Mensch-Sein nichts. So einfach ist das. Und da gibts auch keine Ausnahmen, Kompromisse oder Tabus.
Zu Zeiten Friedrichs des Großen musste man um Offizier zu werden drei Voraussetzungen erfüllen: Man musste a) republikanisch, b) antiklerikal und c) adeliger Abstammung sein. Mal abgesehen davon, dass ich die (Personal-)Politik Friedrichs des Großen immer für absolut falsch gehalten habe, aber: Friedrich der Große bekannte sich zu dem, was er tat. In unserer aufgeklärten Zeit ist das anders. Wir reden ob in Polen, Deutschland oder wo auch immer von Chancengleichheit, Selbstverwirklichung, Eigenverantwortlichkeit usw., dass man vom reinen Wortgeklingel fast high werden könnte, praktizieren es aber bei genauerem Hinsehen bestenfalls halbherzig und grenzen bestimmte Personengruppen einfach aus. Der moderne Mensch lässt Minderheiten nicht standrechtlich erschießen, er hängt sie nicht am nächsten Baum auf oder verfrachtet sie hinter Gittern, nein, er bedient sich viel eleganterer Methoden: er rufmordet, manipuliert und mobbt. Auch die Unterdrückung von Informationen wie sie sich in Polen ankündigt ist aus meiner Sicht eine klare Menschenrechtsverletzung. Denn Meinungsfreiheit und echte Willensbildung setzt Informationsfreiheit voraus. Diese aber soll im vorgenannten Fall eingeschränkt werden. Allein schon unter rechtlichen Gesichtspunkten ist dies völlig unhaltbar. Ein Demokratie zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie nicht nur Minderheiten toleriert, sondern ihnen vielmehr gleiche Rechte einräumt, für ihren Schutz eintritt und ggf. verteidigt. Militär und Polizei tun dies notfalls sogar mit der Waffe. Wenn die polnischen Regierungschefs näher an uns rücken wollen, sollten wir sie gelegentlich daran erinnern, dass sie sich an gewisse freiheitlich-demokratische Spielregeln zu halten haben. Zwar ist auch unser System alles andere als perfekt, aber in solchen Sachen sind wir in Deutschland gesellschaftlich immerhin schon etwas weiter, obschon vielleicht immer noch nicht weit genug.
Sexualität, also auch Homosexualität als Teilbereich davon, ist keine Krankheit. Das war sie nie, erst die Kirchen haben sie dazu erklärt. Sie ist rein biologisch gesehen ebenso wie jede andere Form der Sexualität - nichts anderes als ein körperliches (und wahrscheinlich auch seelisches) Verlangen, nur eben auf gleichgeschlechtlicher Ebene. Flotte Bibelsprüche werden dagegen nicht viel ausrichten können, denn der Trieb ist stärker, sofern man seinen Schwanz nicht gerade zwischen die Buchdeckel seiner Bibel eingeklemmt hat. Diese religiösen Sprücheklopfer wissen nicht einmal, dass wollen ein Hilfsverb ist. Es gibt keinen Willen an sich, sondern nur konkrete Bedürfnisse. Drum sind um es mit Schopenhauer zu sagen alle Bedürfnisse lustbetont: man tut sie gern. Soll doch jeder für sich entscheiden, wie er es am liebsten mag. Wo liegt das Problem? Ich jedenfalls maße mir nicht an, anderen Leuten vorzuschreiben, mit wem sie es zu treiben haben. Und deshalb tabuisiere ich das auch nicht.
Wenn hier einer der Forumsgäste behauptet, besonders ausführliches Reden über Sex sei eine typische Homosexuellen-Krankheit, dann muss ich ihn wirklich fragen, in welchem fernen Planetensystem er die letzten Lichtjahre verbracht hat. Wenn ich in reiner Männergesellschaft (und ich rede jetzt nicht vom Nachtleben-Umfeld, sondern von stinknormalen Treffen) bin, dann kommt das Gespräch irgendwann immer auch auf Frauen und Sex und geht meist unter zunehmendem Alkoholeinfluss - manchmal schon sehr ins Detail. Ich kann keine Werkstatt betreten oder an einem geöffneten Spind vorbeischlendern, ohne dass mir sofort halbnackte Frauen von den Wänden entgegenlächeln. Und wenn ich abends durch meine 56 Fernsehprogramme schalte, erwische ich fast keinen Sender, auf dem nicht in allen erdenklichen Tonlagen gestöhnt und durch die Ecken gerutscht wird. Keiner stört sich daran. Und mich stört es gewiss auch nicht. Wenn aber jemand nicht auf Frauen, sondern auf Männer steht, und dann logischerweise statt nackter Frauen-Bilder halt nackte Männer-Motive bevorzugt, soll er doch. Was gibt es da zu tabuisieren?
Fußballer umarmen sich auch, wenn ein Teamkollege ein Tor geschossen hat. Man holt sich dabei weder eine lebensbedrohliche Krankheit, noch muss man dabei um den Erhalt seiner Weichteile fürchten. Wenn ich einem Hund durchs Fell streichele, klettere ich deshalb auch nicht gleich mit dem Wau-Wau ins Körbchen. Viele haben wirklich ziemlich zickige (Moral-)Vorstellungen. Einige sprechen in dem Zusammenhang auch von Hemmungen. Hemmung aber ist genau das, was Freud im Rahmen seiner psychoanalytischen Überlegungen Gewissen nannte. Wer also unter Hemmungen leidet, der hat meist weniger ein Problem mit anderen, sondern zunächst mit sich selbst. Klar, in den Ohren einer schrulligen alten Jungfer oder eines religiösen Fan-Boys muss das Wort Unterhose zwangsläufig shocking klingen und heftige Panikattacken auslösen. Eine andere Reaktion würde mich bei solchen Leuten aber auch stark überraschen.
Übrigens will ich bei der Gelegenheit nicht unerwähnt lassen, dass ich auch JannLee sehr schätze, obwohl ich ihm persönlich nie begegnet bin und leider wohl auch nie begegnen werde. Er hat aus meiner Sicht einfach mehr auf dem Kasten als viele andere, hat etliche sehr gute Reviews geschrieben, besitzt aber und das ist in dem Zusammenhang wohl das Wichtigste vor allem Mut. Denn es gehört schon ein gewisser Mut dazu, mit einem Tabu so offensiv umzugehen, wie er das hier tut. Außerdem war es interessant, richtig und wichtig, auch solche Themen mal anzupacken. Schließlich hat er es nicht als offizielles Gamezone-Review online gestellt, sondern hier in der Forumsecke, die ja bekanntlich nicht nur dazu da ist, Kochrezepte auszutauschen.
@jaypeekay: Ein Thread, sieben Seiten, 80 Antworten und genauso schlau wie vorher? Mag sein. Man kann halt nur seine persönliche Meinung darzustellen versuchen. Ein Richtig oder Falsch wird es bei solchen Dingen wohl nie geben.
@JannLee: Bleib so, wie Du bist.
Die organisierten staatlichen, sozialen und religiösen Gemeinschaften unserer Zeit sind darauf aus, den einzelnen dahin zu bringen, dass er seine Überzeugungen nicht aus eigenem Denken gewinnt, sondern sich diejenigen zu eigen macht, die sie für ihn bereit halten. Ein Mensch, der eigenes Denken hat, und damit geistig ein Freier ist, ist ihnen etwas Unbequemes und Unheimliches. Er bietet nicht genügend Gewähr, dass er in der Organisation in der gewünschten Weise aufgeht.
(Albert Schweizer, in: Aus meinem Leben und Denken, 1931)